auf krawall gebürstet?

gestern stand ich über sechs stunden auf der straße. neeeiin, nicht um zu trauriger musik fackelschwenkend trauerkränze durch dresden zu tragen. laufen durfte ich ja auch gar nicht. das dürfen in dresden am 13. februar nur nazis. ich stand fünf stunden lang vor einer absperrung, dahinter mehrere reihen polizisten, die mit helmen und schlagstöcken ausgerüstet waren, teilweise zu pferd. und als sich die gegendemonstranten ein wenig richtung naziroute bewegten, wurden auch noch wasserwerfer in position gebracht. 

kurze zwischeninfo für nicht-dresdner: in der nacht vom 13. zum 14. februar 1945 wurde dresden von den allierten bombardiert. die nacht gilt als eines der schlimmsten städte-bombardements des zweiten weltkriegs und wird jährlich von nazis missbraucht, um kriegsschuld umzudeuten und mit schlagwörtern wie "bombenholocaust" um sich zu werfen. organisiert von der jungen landsmannschaft ostdeutschland werden zu diesem zweck mehrere hundert nazis nach dresden gekarrt und mit fackeln, fahnen und trauermarschmusik durch dresden geführt.

nachdem der nazi-aufmarsch im letzten jahr durch blockaden verhindert werden konnte, hatte die polizei dieses jahr nazis und gegendemonstranten so weit von einander weggesperrt, dass eine blockade unmöglich war. ich bezweifel sogar, dass die trompeten, pfeifen, trommeln und sprechchöre lauter als die trauermusik der landsmannschaft und ihres braunen gefolges waren. 
 alles in allem bin ich äußerst unzufrieden mit dem gestrigen tag. dadurch das die polizei sehr viel besser organisiert war als die gegendemonstranten, konnten ( der MDR liefert hier äußerst genaue zahlen. not.) zwischen 700 und 1200 nazis frei marschieren und ihre kundgebungen abhalten. auf diesen wurde dann von "alliierten verbrechen gegen die menschlichkeit" schwadroniert, ja zieht euch das rein: nazis beklagen verbrechen gegen die menschlichkeit. gut, dass die uns so weit von diesen kundgebungen weggesperrt haben...
und als ich mir heute morgen einen überblick über die berichterstattung verschaffte, hätte ich schon das nächste mal kotzen können. zu erst einmal, weil ich den nazi-zug sehen konnte (was ja gestern nicht der fall war). und dann, weil ich feststellen musste, wie viele ältere leute bei der braunen brut mitspazierten. außerdem wurden einige interviews gezeigt, die am rande des nazitrauermarschs geführt wurden. for example: "hitler hat bis 1940 versucht mit den alliierten frieden zu halten. er hat erst krieg geführt, als die ihm keine wahl mehr gelassen haben." 

und was mir am meisten auf den sack geht: 
wenn von der menschenkette gesprochen wird, die mehrere stunden vor dem naziaufmarsch in der innenstadt gebildet und von der stadt erlaubt wurde, spricht man von dresdner bürgern. der sinn der menschenkette ist in erster linie das gedenken an die zerstörung dresdens und die damit einhergehenden menschenopfer. 
wird von den blockade-aktionen, gegenkundgebungen usw. berichtet, die sich gezielt gegen den naziaufmarsch richten, wird immer von linksextremen gegendemonstranten gesprochen. das vermittelt den eindruck, als handelte es sich hierbei um linke gruppen, die nur darauf warten, auf die nazi-route zu gelangen, um sich mal wieder eine ordentliche straßenschlacht zu liefern, also auf krawall aus sind. so ist es aber eben nicht. die etwa 2000 (?) menschen am blockade-punkt fritz-löffler-platz waren in erster linie dresdner bürger: eine bunte menge aus allen möglichen sozialen schichten und altersgruppen, die als stadt gesicht gegen den nazi-aufmarsch zeigen und ihn letztendlich verhindern wollte. 
 erreicht wurde nur, dass die nazis ihre marschroute verkürzen mussten. ob nun wegen des blockade-punktes, der ja nur an, nicht auf der marschroute lag, oder wegen der starken verzögerung weiß der fuchs. als feststand, dass der blockade-punkt fritz-löffler-platz aus dem spiel ist, setzten sich alle gegendemonstranten in richtung hauptbahnhof in bewegung und mussten wegen der absperrung der polizei durch ein wohngebiet laufen - mehrere hundert leute! hatte was von woodstock. ich glaub, die anwohner haben für mindestens ein jahr keinen rasen mehr im vorgarten. 

however: am 19. februar haben sich die nazis schon wieder in dresden angemeldet. dieses mal mit teilnehmern aus ganz europa...

ab und an hab ich mal meine cami aus der masse hochgehalten, um zu sehen, was vor mir passiert. die fotos sind net gut, aber sie vermitteln einen eindruck. 
besser sind die videos von faberman11.






fritz-löffler-platz gegen 13 uhr
die samba-gruppe

etwa 1000 menschen gelangten durch das wohgebiet zur nazi-abschluss-kundgebung an den hauptbahnhof und störten die ansprache durch pfeifen, trommeln und sprechchöre


Kommentare

  1. Schwierig, schwierig. Sehr interessanter Artikel, vielen Dank!

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  2. respekt - bei dem wetter so tapfer durchzuhalten...

    ... ganz deiner meinung ansonsten...

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  3. uh wow so ein langer Text aber sehr interessant ich hab ihn gelesen^^ ich hab das ganze über Twitter verfolgt^^

    hut ab das du dich da ins getümmelt getraut hast :)

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  4. He Steph, hätte ich gewusst, dass Du mit dabei bist, wäre ich doch auch gekommen. Biste am 19. auch mit dabei? Wollen wir da was zusammen machen?

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  5. na und ich dachte, du bist bestimmt bei coloradio eingespannt...ich bin am samstag auf jeden fall am start!!

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  6. Maik / fabermann1116. Februar 2011 um 20:38

    Danke für die Blumen ... (bin über die YouTube Statistik hier gelandet) ... war wirklich eine unglaubliche Stimmung da kurz vorm Bahnhof. Die verwackelten Bilder können die Energie nur schwer nachzeichnen.
    Ein Drama, dass uns diese Wirrköpfe nächstes Wochenende schon wieder "beglücken" wollen :(
    Naja, dann müssen wir halt nächstes Wochenende wieder ran :)

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