consume less, give more

Mein Blogtitel hält im Moment nicht, was er verspricht. Liegt daran, dass ich im Moment in Elternzeit bin. Und wie ich im letzten Post anklingen lassen habe, bin ich danach wahrscheinlich noch ein Jahr arbeitslos. Da ich nun nicht mehr über Schule bloggen kann und über das Baby (so niedlich es auch ist) einfach nicht so viel erzählt werden kann, integriere ich nun ein neues Thema, dass mich seit einiger Zeit beschäftigt. Dies hier ist quasi der Auftakt-Post und deshalb auch ein bißchen länger.

Wer hier schon länger mitliest, erinnert sich eventuell, dass ich vor ungefähr vor einem Jahr (in diesem post) begonnen hab, mir Gedanken über meinen Konsum zu machen ( ala "Wieso besitze ich 40 Kleider-kann doch nur eins anziehen, 40 x Nagellack-kann doch nur 20 Farben gleichzeitig tragen" and so on). Damals befiel mich der starke Wunsch, mich des ganzen Krempels in meinem Zimmer zu entledigen und nur noch so wenig wie möglich zu besitzen.Ein scheinbar individuelles Bedürfnis, vor allem begründet durch eine ausgesprochen geringe Wohnfläche. Doch mittlerweile hat sich dieser Weniger-ist-mehr-Gedanke als Dauergefährte in mein Bewusstsein eingenistet und scheint zudem ein gesellschaftlicher Trend zu sein.

So setzte sich die ZEIT* Ende letzten Jahres ausführlich mit dem Phänomen des gemeinschaftlichen oder eigentumslosen Konsums auseinander. Darunter versteht man eine Form des Konsums, bei dem nicht in erster Linie gekauft, sondern vor allem getauscht, ge-/verliehen und ge-/vermietet wird.
Laut Artikel ist Deutschland noch eine 'Meins-Gesellschaft', was man gerade ostdeutschen Bürgern ("wir hatten ja nüscht") kaum verdenken kann. Dadurch hortet laut einer Studie jeder Haushalt ungenutzten Hausrat im Wert von über 1000 Euro, der (so gut wie) nie gebraucht wird. Bestes Beispiel hierfür sei die Bohrmaschine, die vierzig Jahre rumliegt, aber nur 13 Minuten bohrt.
"Das viele Zeug, das keiner braucht, ist das Ergebnis eines Menschanismus, der lange ziemlich gut funktionierte: des Hyperkonsums. Damit die UNternehmen mehr produzieren konnten, mussten die Menschen mehr kaufen. Und weil die Produkte schneller und schneller auf den Markt kamen, schafften Verbraucher sie in immer kürzeren Abständen an. Was so entstand, sei ein 'endloser Zyklus von erweiterter Produktion und Konsum'", zitiert die ZEIT den amerikanischen Ökonom Jeremy Rifkin.
Doch nun sei eine neue Generation am Start, die nicht alles auf Dauer besitzen und demnach auch nicht kaufen will, sondern eben teilen, tauschen und leihen.

Soweit zum gesellschaftlichen Trend, der - das sollte man vielleicht noch hinzufügen - leider nicht vom neuen, altruistischen Menschen kündet. Leihen spart Platz, Tauschen spart Geld, usw. Man könnte jetzt noch herumtheoretisieren, inwiefern Hyperkonsum, gegenläufige Trends und die Krise des Kapitalismus zusammenhängen, stattdessen möchte ich die Gründe aufzählen, die mich persönlich im letzten Jahr dazu bewegt haben, auf Konsum zu verzichten resp. anders zu konsumieren.

Fairness
Dazu braucht man nicht viel zu sagen. Wenn ich viele Dinge in großen Mengen besitzen will, versuche ich sie so billig wir möglich zu erwerben. Das läuft darauf hinaus, dass ich auf Sachen zurückgreife, die unter miesesten Bedingungen hergestellt werden und das ein großer Teil der Weltbevölkerung unter dem Konsum eines kleineren Teils stark zu leiden hat. Außerdem führt das dazu, dass der kleine Buchhandel von nebenan und ähnliches Kleingewerbe zugrunde geht, weil sie mit der Preisdrückerei der großen Ketten nicht mithalten kann. Und ich mag den kleinen Buchhhandel von nebenan!

Der ökologische Aspekt
"Die Müllberge häufen sich um unsere Städte, weil jeden Tag Millionen Hausfrauen überflüssige Dinge in überflüssigen Verpackungen kaufen [...]".* Auch wenn der Herr Schmidbauer hier ein ungünstiges Frauenbild vertritt, liegt es für mich auf der Hand, dass unsere Umweltprobleme die Folge des hemmungslosen Konsumsverhaltens des 'modernen' Menschen sind. "Die Industriegesellschaften, die mindestens 90 Prozent ihrer Produktionskapazität dafür aufwenden, überflüssige Dinge herzustellen, beanspruchen heute die natürlichen Kapazitäten der Erde bis an den Rand des Erträglichen." Und wenn ich bedenke, welchen Müll ich im letzten Jahr produziert hab, indem ich mein Zimmer ausgemistet hab...Letzte Woche war die Technik-Kiste dran. Ergebnis: 6 Handys, von denen 5 nicht mehr funktionieren, 3 billige MP3-Player, von denen 2 nicht mehr funktionieren, 4 saubillige Kopfhörer, von denen dementsprechend 4 nicht mehr funtionieren.

Der soziale Aspekt
Wer alles hat, braucht niemanden zu fragen.
Ich neige dazu, mir Dinge anzuschaffen, weil ich dann im Falle des Falles niemanden auf den Sack gehen muss. Also wenn mir einfällt, dass ich ein Loch bohren muss, bestell ich mir mal schnell im Internet 'ne Bohrmaschine. Das geht schnell, dadurch hab ich wenig Ausgaben (denn ich habe natürlich das billigste Modell gewählt), null Aufwand- und der einzige soziale Kontakt findet bei der Übergabe des Pakets durch den Postmann statt. Kein Wunder, dass eines der größten Probleme des westlichen Menschen Einsamkeit ist. Einem Problem, dem das Tauschen, Teilen, Leihen auf jeden Fall Abhilfe schafft (bestes Beispiel: Mitfahrgelegenheit). Dies ist wohl einer der Gründe dafür, weshalb viele Leute meinen, dass es 'früher' (speziell zu DDR-Zeiten) ein größeres Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Menschen gegeben hätte.  Das halte ich nicht für Ostalgie, sondern einen Fakt. Man musste eben zusammenarbeiten, untereinander tauschen, etc.


Um diesen Riesentext zusammenzufassen: Ich bin an einen Punkt angekommen, an dem ich mit meinem Lebensstil niemanden mehr ausbeuten will. Weder andere Menschen, noch die Natur. Und weil ich ein kleiner Hippie bin, will ich, dass wir das alle zusammen machen :)
Im Moment befinde ich mich in einer sehr glücklichen Situation: ich hab kein Geld und viel Zeit. Ideale Bedingungen, um mich in endlosen Still-Stunden über alles Mögliche zu informieren und einen ganz bewussten Lebensstil zu erproben. Und das - und hier kommen wir zum Ausgangspunkt des Postes zurück - werde ich im Folgenden hier dokumentieren. 

Uff.


* Die ZEIT No 51 (15. Dezember 2011).
* Schmidbauer, Wolfgang: Weniger ist manchmal mehr. Zur Psychologie des Konsumverzichts. Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 1992.


Kommentare

  1. Find ich eine klasse Idee. Super, dass du es hier veröffentlichen willst. Gibt auf jeden Fall gute Impulse!

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  2. Danke! Bin jetzt schon ein großer Fan des neuen Features :)

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  3. Der Uhrzeit geschuldet *gähn* war ich zu faul viel mehr als die ersten drei und den letzten Abschnitt zu lesen, aber irgendwas mit Konsum beschränken hab ich kapiert, wie gesagt, it's early, und daher bin ich sehr gespannt was noch kommt. Ich versuche mich ja auch von Besitz zu befreien. Fällt schwer...

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  4. nice text, sis.
    ich fand vor allem den bohrmaschinen-abschnitt interessant. dieses niemanden-fragen-wollen-alles-allein-können-ding zieh ich auch viel zu oft durch. das ist mist. ich klapper beim näxten zu bohrendem loch gern alle nachbarn für dich ab : )

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  5. spannend... das hattest du ja vor einiger zeit schon mal angesprochen...

    vielleicht inspirierst du mich... das mit den klamotten fällt mir einfach sooo schwer... aber ansonsten hilft tatsächlich oft umziehen :D

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