sie haben ein monster erschaffen

Es gibt Leute (Sozialpädagogen of course ;), die haben so viel Zeit, dass sie gleich mal einen vierteiligen Dokumentarfilm mit deutschen Untertiteln versehen. Thanx a lot. Am Dienstag Abend durfte ich der "Premiere" des frisch untertitelteln Dokumentarfilmes The Century of the Self von Adam Curtis beiwohnen. 


Die Reihe beschäftigt sich mit dem Einfluss der Familie Freud auf das 20. Jahrhundert. Im Teil Happiness Machines geht es um Sigmund Freuds Neffen Eddie Bernays, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der USA lebt. Dort experimentiert er mit den Erkenntnissen seines Onkels als Mittel, um die Meinung der Masse zu beeinflussen und erschafft dabei den modernen "homo consumens". Krasseste Story: Bernays bricht mit einer einzigen Aktion das weibliche Rauchtabu (Minute 10:27) - im Auftrag einer Tabakfirma. Nachdem er sich durch einige spektakuläre Aufträge aus der Wirtschaft etabliert hat, wird auch die Politik auf ihn aufmerksam. 
Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts kaufte der durchschnittliche amerikanische Bürger ausschließlich Dinge, die er wirklich brauchte. Wenn Produkte beworben wurden, dann lediglich über ihren Gebrauchswert. Nun bestand die Gefahr, dass die tatsächlichen Bedürfnisse der Bevölkerung irgendwann gestillt und dadurch die Märkte gesättigt sind. Bernays bekam den Auftrag, neue Bedürfnisse zu erschaffen - um die Wirtschaft anzukurbeln und um glückliche und dadurch gefügige Bürger zu kreieren. Konsum als Mittel der Massenmanipulation, als Opium für's Volk. Bernays erzeugte diese künstlichen Bedürfnisse, indem er die inneren Sehnsüchte von Menschen an Produkte koppelte. Sehnsüchte wie "geliebt werden wollen", "unabhängig sein", "männlich sein" etc. Er ist der Erfinder des Product Placements, der angeblich unabhängigen Studien und des Autos als männliches Statussymbol. Um die Kleidungsindustrie anzukurbeln, ließ er Frauen, vorzugsweise Schauspielerinnen, in Werbefilmchen erklären, dass Kleidung ein Mittel sei, sich selbst auszudrücken. "Sie haben alle einen wundervollen Charakter, aber niemand kann es sehen. Zeigen Sie es mit einem neuen Hut" (Minute 19:22).

So lächerlich einem das erscheint und selbst, wenn man diese Augenwischerei durchschaut hat - wir können nicht zurück. Heute IST Outfit gleich Statement und man drückt selbst dann noch etwas mit seiner Kleidung aus, wenn man sich dem verweigert. Und bei dem Gedanken daran, dass ich meinen Kleiderschrank auf das reduzieren könnte, was ich brauche, also wirklich nur auf Kleidung, die ich brauche, um nichts nackt zu sein und nicht zu frieren, fühle ich mich merkwürdig beraubt. Geht einfach nicht. Bernays hat mich versaut. 
Im Übrigen mache ich ihn dafür verantwortlich, dass ich als Jugendliche angefangen hab zu rauchen und für die noch immer andauernden Entzugserscheinungen.

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