neues blogritual: book4you

Eigentlich kaufe ich nur Dinge, die ich in irgendeiner Weise weiterverarbeite (Wolle) oder verbrauche (Essen) oder gebrauche und wegwerfe (Windeln). Das mache ich nichts zuletzt deshalb, weil ich seit einiger Zeit ein Problem mit Besitz habe bzw. - ich hatte es hier schon mal anders formuliert - das Bedürfnis, ganz wenig zu besitzen. 
Das war nicht immer so, würde meine Mutter jetzt einwerfen, denn vom Wesen her gehör ich eher zur Gattung der Messies. Ich hab in meinem Leben schon alles gesammelt, was man sammeln kann.
Einige Auszüge: Als Kind hab ich Porzellan-Figuren und -Puppen gesammelt. Tücher. Die kleinen Kugeln aus den Patronen. Muscheln und Steine. Sticker. Briefmarken. Getränke-Dosen (es gab noch keinen Pfand, aber dafür waren Fanta 4 auf der Fanta). Die 'Haare' aus den Maiskolben (...). Ü-Ei-Figuren. Alles von der Kelly Family... Meiner Mutter könnte diese Aufzählung sicher ergänzen. Um es in ihren Worten zu sagen: Sie ist fast blöde geworden mit mir. Als Teenager kamen dann 'Erinnerungs-Stücke' dazu. Eine Billard- Kugel, ein Feuerzeug, Eintrittskarten und Konzerttickets, massenhaft leere, beschriftete Liebfrauenmilch-Flaschen (Würg): "Getrunken mit Ronny K. am 10. Juli 2000" usw. Mein Zimmer war ein Museum meiner Jugend, als diese noch gar nicht Geschichte war. Auch nett: meine Bacardi-Deckel-Sammlung. Hab ich letzte Woche erst weggeworfen. 

Mein Problem war immer, dass ich Dinge mit Bedeutung be- und überlade und mich dann nicht mehr von ihnen trennen kann. Weil X am Tag Y die Flasche Z angefasst hat, muss ich die jetzt für immer behalten. Übertrieben gesagt. Aber als mir im letzten Jahr das Leben etwas existentieller begegnet ist als bisher, ist etwas Merkwürdiges passiert. Plötzlich fiel von den Dingen um mich herum die Aura ab und es waren nur noch Dinge. Und hatten keinen Wert mehr als ihren Gebrauchswert.

Und deshalb bin ich jetzt bereit, mich auch von der Sammlung meines Erwachsenenlebens zu trennen. Ich teile mir mein WG-Zimmer nämlich nicht nur mit meinem Sohn, sondern auch mit knapp 800 Büchern. Manche liebe ich, viele brauch(t)e ich, manche wollte ich mal lesen und tat es nicht, viele hab ich irgendwo vorm Container gerettet, werde sie aber niemals lesen. Die ich einmal gelesen habe, lese ich in 80% aller Fälle kein zweites Mal. Sie würden sich sehr gut machen in einem Raum mit Regalen bis zu den Decken und einer Leder-Couch in der Mitte, aber werde ich je so leben? Unwahrscheinlich. Will ich so leben? Auf keinen Fall. Ich werde reduzieren. Drastisch. Und damit alle etwas davon haben, hab ich mir folgendes ausgedacht:

  
Jedes Buch, dass ich entweder gelesen hab oder einfach so aussortieren möchte, werde ich hier auf das Blog und euch quasi zur Verfügung stellen. Ich hab über Portopauschalen und Kurzwaren-Tauschhandel nachgedacht, aber eigentlich sind die Last, die ich verliere, und der Raum, den ich bekomme, Gewinn genug. 
Also- wenn ihr Interesse an einem Buch habt, dann schreibt mir einen Kommentar und ihr bekommt es zugeschickt (bzw. überreicht, wenn ihr hier in der Gegend wohnt). Sollten wider Erwarten ganz viele Leute ein Buch haben wollen, dann lose ich es aus. 
Nächste Woche geht's los. Spätestens.

 

Und nun zu euch: Welche Sammlungen warten in euren Kellern auf Auflösung?

Kommentare

  1. hast du dir sowas schon überlegt? http://www.b4l-wien.at/de/
    da könntest du mit deinen nicht mehr gebrauchten Büchern auch noch was Gutes tun!
    LG

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    1. was hier nicht weggeht, geht auf jeden fall dahin. nicht in die mülltonne. danke für den link!

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  2. Kügelchen aus Patronen... wth were we thinking??????

    Mal abgesehen davon, dass ich den Text toll geschrieben finde, kommt mir auch der Inhalt sehr bekannt vor. Ich versuche meine gigantische Klamottensammlung aufzulösen. Sonst horte ich mittlerweile nur noch Bücher, aber von denen will ich mich auch partout nicht trennen... bin gespannt, wie es bei dir weitergeht...

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    1. klamotten stapeln sich auch auf dem fußboden und warten darauf, verkreiselt zu werden.

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  3. Ich warte noch auf den Moment an dem ich mich von allem trennen will. ;-) Aber so extrem wie Du habe ich nie gesammelt, allerdings ist trotzdem noch genug Krempel da. Bücher stehen auch auf meiner loswerde-Liste, aber das ist gar nicht so einfach. Wer will schon ein Buch über Estuary English lesen. :-( Naja, und der Punkt wo ich Bücher in die Papiertonne werfe ist noch nicht gekommen.
    Mittlerweile hole ich mir alle Bücher aus der Bibo - zugegeben, ich beschäftige mich auch nicht mehr mit Mittelenglisch und so weiter. ;-)
    Kannst ja mal berichten, wie gut Deine Loswerdaktion läuft, vielleicht versuche ich es auch so.
    LG
    Kerstin

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    1. Da bist du weiter als ich. Bücher wegzugeben fällt mir schwer, sie wegzuschmeißen ist mir unmöglich. Also bastel ich eben Regale.

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    2. ich hab auch immer regal an regal gebaut. aber es nützt nix. sie stehen rum und brauchen platz, den ich nicht hab. ihr wert liegt nur darin, gelesen zu werden und wenn ich das getan hab, sollte es jemand anderes tun.
      @kerstin: ich besitze auch ein paar bücher, bei denen es mich wundern würde, wenn sie abnehmer finden.

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  4. Udn wie wär's wenn du deinen Bücher auf reisen schickst? http://www.bookcrossing.com/mybookshelf/amberlight/

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    1. für alles, was hier keiner braucht, wäre das ne möglichkeit.

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  5. du poet!!!! (imho bestes Beispiel: Mein Zimmer war ein Museum meiner Jugend, als diese noch gar nicht Geschichte war.)

    schöne idee... von büchern kann ich mich auch am schwersten trennen (sonst hat sich das horten durch viele umzüge und den größten sprung ins ausland schnell irgendwann gegeben) ... aber egal, wie viele bücherverbote ich mir gebe oder wie sehr ich mich reduzieren will, bei meinen eltern gibt es im notfall immer noch platz zum unterstellen :D vielleicht gibt´s ja was schönes... bookcrossing finde ich aber auch schön als idee

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    1. an dem text hab ich auch ein bisschen rumgedoktort *blush*

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  6. von Bücher trennen ist das schwerste *find* Mußte ich aus Platzmangel auch schon machen und habe an Momox gesendet ...oder in der Dresdner Abfalltauschbörse verschenkt...


    LG anja

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  7. Sehr löbliche Haltung! Ich musste mich gezwungenermaßen in den letzten Jahren zwei Mal im großen Stil von Sachen trennen. Das Haus meiner Mutter (auch so eine Sammlerin) wurde verkauft und meine Brüder und ich mussten es ausräumen und mein inzwischen Ex-Mann und ich hatten vom Umzug aus einer Riesenwohnung in eine Minibutze noch ein Altlasten-Lager, das nach der Trennung natürlich aufgelöst werden musste. Furchtbar. Diese Konfrontation mit all den Erinnerungen, die an den Dingen klebten – sogar, ohne dass man sie absichtlich damit aufgeladen hätte – war schmerzhaft, es fühlte sich z.T. an, als würde man die Kindheit wegwerfen und eine Zeit seines Lebens. Es war natürlich auch befreiend, aber ein bisschen im Sinne eines Herausoperierens. Mich vom Jugendkram in meinem Kinderzimmer zu trennen, war da noch vergleichsweise leicht. Außerdem hasse ich Verschwendung, ich habe dieses "Das kann doch bestimmt noch irgendwer gebrauchen"-Gen, konnte mich aber von Schweden aus nicht richtig kümmern, dass alles guten Zwecken zugeführt wird und mein Bruder war schließlich so gestresst, dass er irgendwann gesagt hat "Das soll einfach alles weg." Genauso mein Ex-Mann. Hier in Schweden musste ich ironischerweise alles neu anschaffen, weil ich zu dem Zeitpunkt, als ich herkam, keine Transportmöglichkeiten hatte oder der Transport mehr gekostet hätte, als die Sachen wert waren bzw. die Sachen, die ich benötigt hätte, noch in Gebrauch waren. Ich versuche jetzt, nur noch Dinge Second Hand zu kaufen oder, wenn ich was neues kaufe, nur noch Sachen von sehr guter Qualität anzuschaffen, die halten. Und mich rechtzeitig von zu vielen Dingen zu trennen. Bei Büchern find ich das allerdings schwierig, ich bin aber auch so ein Doppelt- und Dreifachleser.

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    1. ich weiß genau, was du mit diesem bestimmten gen meinst. deswegen lagern in meinem zimmer drei riesen-säcke mit alten klamotten-daraus könnte ich ja irgendwann mal noch was nähen. aber gerade, wenn man so viel umzieht wie du, lohnt es sich doch ganz wenig zu besitzen. vor allem, wenn man bei den eltern keine homebase mehr hat.
      ich kenne auch das gefühl, das man einen teil seiner vergangenheit mit den dingen wegschmeißt. aber seit letztem jahr, weniger durch das neue leben, vielmehr durch die begegnung mit dem tod, bin ich gar kein nostalgiker mehr. oft will ich mich an gar nix erinnern, sondern richte meinen blick ganz fest auf die gegenwart. das vergeht vielleicht auch wieder, deshalb muss ich diese phase zum ausmisten nutzen.

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    2. Ja, wenig zu besitzen ist gut. Und praktisch. Auch wenn ich eigentlich nicht mehr vorhabe, so oft umzuziehen. Aber das hatte ich ja nie, das passiert einfach. Ich bin zwar nicht dem Tod begegnet – was ist passiert? –, aber hatte zwischendurch eine Phase, in der ich zwei Jahre allein in einem möblierten Strandhaus gelebt habe, mit ganz wenigen persönlichen Sachen. Das war so eine Art Standby-Phase in meinem Leben, in der ich nicht wusste, wie es weitergehen wird. Da habe ich auch nur auf die Gegenwart geschaut, das war eine sehr wichtige Erfahrung. Das versuche ich jetzt auch, aber es gelingt mir nicht immer. Das liegt aber weniger an den mich umgebenden Dingen., glaube ich. Mit Perspektiven und Möglichkeiten kommt der Blick in die Zukunft (was ja immer nur eine Illusion ist, aber trotzdem) und wenn man verstehen will, wie Situationen entstanden sind, muss man auch mal die Vergangenheit analysieren. Aber ich schweife ab...

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    3. ich such jetzt mal ne email-adresse von dir und antworte dir dort.

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  8. Hallo liebe Steph,
    ich hab Dich beim Nähbloggertreffen am Freitag kennengelernt und nun Deinen Blog gleich mal durchgestöbert. Gleich als Leser eingetragen - Du schreibst richtig genial :-) Man kann gar nicht mehr aufhören. Ich habe mich nun mal durch die ganzen 2,5 Jahre Deines Blogs gelesen, Dich dadurch näher kennen- und Deine Schreibweise lieben gelernt! Deine Beiträge sind so anders und aus dem Leben gegriffen, mit einem herrlichen Tick zur Selbstironie - mach weiter so! Ich freu mich auf viele weitere Posts von Dir :-)

    Liebe Grüße Dani Ela

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    1. wow. das ist ein ganz tolles kompliment. um nicht zu sagen, das beste, das ich je bekommen habe. du hast das ganze blog gelesen? nicht zu fassen. ich erinner' mich schon gar nicht mehr an die anfänge. vielleicht sollte ich das auch mal machen. nochmal: vielen dank!

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    2. Liest sich gut. Stimmt. *g* Ich erinnere mich noch gut an die Rotzer von der hinteren Bank. Das war vor deiner Blogpause.

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    3. hach ja, das war wirklich noch viel lustigerer stoff als dieses weltverbesserergelaber. damals war alles noch viel lustiger.

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    4. Gern geschehen (das Kompliment) - nun ja, ich hab angefangen zu lesen und konnte dann nicht mehr aufhören, war einfach zu neugierig, wie bei einem spannenden Buch. (danach hatte ich viereckige Augen - hihi)
      Muss aber dazu sagen, ich hab mich von der Gegenwart in die Vergangenheit auf Deinem Blog durchgearbeitet, soll heißen, Dein Geburtstagspost war als letztes dran ;-)

      Na wenn Du so manches nicht mehr weißt, les doch mal wieder. Da kommen bestimmt so einige Aha-Momente ;-)

      Liebe Grüße Dani Ela

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  9. Kügelchen aus den leeren Patronen, Du holst Erinnerungen hervor... Mal wieder ein super Post.
    Mir geht's ähnlich mit dem Besitz und Sammeln. Nachdem mir etliche Umzugshelfer des öfteren gedroht haben mir nie wieder zu helfen (die 378456378456 Bücherkisten zu schleppen), löse ich mich auch nach und nach von der Sammlung und bin wieder verstärkt in der Bücherei unterwegs. Klassiker, Lieblinge und Bildbände dürfen aber immer gerne bleiben bzw. dazustoßen.
    Mit sonstigem Tinnef ist es ähnlich, ich versuche den Dingen nicht zuu viel Wert zu geben, aber UMgeben mag ich mich schon gerne damit, eine kahle reduzierte Wohnung ist dann doch nicht so meins. Der goldene Mittelweg ist wie so oft die Lösung denke ich. Das sind auch so Phasen. Derzeit habe ich auch eine -anhaltende- Ausmistphase :)

    Lieben Gruß

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    1. diese ausmistphasen (die aktuelle hält schon seeehr lange an) haben sicher oft mehr mit der seele zu tun als mit ordnung, oder? eine weiße, leere schicki-micki-wohnung wäre mir nämlich auch ein grauen. aber davon bin ich selbst ohne meine 800 bücher meilenweit entfernt.
      tinnef ist ein schönes wort- ich werde es heute noch drei mal benutzen und mir einverleiben, wenn du erlaubst.

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