tatortnachbesprechung #5

Die Berliner Crew hatte wahrscheinlich noch nie ein so dünnes Drehbuch. Viel mehr als "Wo ist Benjamin?" und "Ich werde dazu nichts sagen!" war ja an Text nicht zu lernen. Nachdem dieser Dialog das dritte Mal stattgefunden hatte, begann mich dieser Tatort zu nerven. Wahrscheinlich ist das auch der Sinn dieser Verhörtechnik: den Delinquenten so lange mit den immer gleichen Worten und im gleichen Tonfall zu belabern, bis er mit der Sprache rausrückt. Bei mir hätte es funktioniert. Unfassbar anstrengend fand ich auch den Sohn, der sich in dieser dringlichen Situation erstmal mit sich selbst auseinandersetzen muss: "Ich muss nachdenken", "Ich schaff das nicht" - was für eine Pfeife!

Und ich finde es gut, dass dieses "Wer-mit-Lebensmitteln-spekuliert-verursacht-Hunger-in-der-Welt-Problem" mal erwähnt wurde. Aber wenn man das in einer abstrakten Form anspricht und dabei sofort auf die Waagschale mit dem Leben eines konkreten Kindes legt, verliert das Thema natürlich seine Brisanz. So ging der einzige Versuch dieses Tatortes, irgendwie über sich selbst hinauszureichen, irgendwie in die Hose. Spannend war er auch nicht. Und bewegend eigentlich nur in der letzten Szene. Aber wenigstens konnte ich danach gut schlafen. Und ihr?

Kommentare

  1. Man nehme drei uralte Thesen, verrühre sie mit Stumpfsinn und unterbrochenen Kausalketten und walze sie zu einem Drehbuch aus. Fertig ist der Tatort.
    Ist jemanden aufgefallen, daß der eine wasserbringende Polizist auch unten auf dem Alexanderplatz als Komparse herhalten mußte? Spätestens da guckt eh keiner mehr hin werden die sich gedacht haben. Bewegt hat mich die letzte Szene, weil ich drüber lachen mußte.
    Noch zwei, drei solche Filme und du bist wieder fit für die Mittelschule. ;-)

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    1. 'ausgewalzt' trifft es ziemlich gut. was sind d.m. die uralten thesen?
      der wasserbringende polizist stand übrigens nicht als komparse auf dem alexanderplatz, sondern er war da quasi im einsatz, um die zielperson auszuchecken :)

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    2. Das war nun wirklich kein Komparse sondern ein ständiger Mit-Ermittler :D

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    3. Die uralten Themen: Woher hatten die Ermittler die Identität des Erpressers, wenn er noch nie erkennungsdienstlich aufgenommen wurde? Für das von ihm aufgenommene Bild gab es kein Vergleichsmaterial. Wie weit darf die Polizei bei ihren Befragungen gehen? Schlafentzug? Darf man ein »bißchen« foltern? Darf man unbeteiligte Personen als Druckmittel gegen Straftäter einsetzen und das auch gegen ihren Willen? Was darf die Polizei? Was ist moralisch gerechtfertigt. Was ist Recht und was Gerechtigkeit? Darf ein Banker im Namen des Geldes ungestraft Existenzen vernichten? Was wiegt schwerer? Das Leben oder das Geld? Letztere Frage hat der Film eindeutig beantwortet.

      Gut, dann war es ein mitermittelnder, wasserbringender Undercoveragent. *g*

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    4. Ich klink mich hier mal ein weil ich als "Frau vom Fach" gerade deshalb keine Tatorte oder so genannte Polizeifilme schauen kann! Man denkt sofort an §136Stpo verbotene Vernehmungsmethoden und andere tolle Gesetzmäßigkeiten... da näh ich lieber :-))

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    5. wobei ich glaube, dass leute oft genug mit repressionen zu kämpfen haben, die zwar 'legal' sind, aber trotzdem unter aller sau.

      @ atze: du bist ne frau vom fach?

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  2. Oh... eine Tatortnachbesprechung :-)
    Wobei ich gestern, als ich Tatort geschaut habe, gedacht habe, dass der vielleicht für Dich zum "Wiedereinstieg" nicht optimal ist. Kindesentführung... ich denk mich da ganz schön sehr rein...

    Also das "Wo ist Benjamin" und "Ich sag jetzt nichts mehr" kam wirklich oft vor. Die Geschichte an sich war nicht schlecht. Gott sei Dank war der Benjamin wohlauf und die letzte Szene fand ich sehr berührend - da wurden die Augen schon etwas feucht.
    Ansonsten zog er sich meiner Meinung nach auch sehr hin, aber das Thema fand ich gut.

    Schön, dass Du wieder die Nachbesprechung ins Leben gerufen hast.

    LG Dani

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    1. danke für dein feedback.
      ich dachte auch, dass es hart wird, diesen tatort zu schauen. aber man hat von der entführung ja gar nix mitbekommen. der tatort bestand aus 80 min gelaber im verhörraum und ner kurzen dramatischen sequenz zum ende (bei der ich natürlich geheult habe, aber das war okay).

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  3. Aaaaaaaaaalso... ich fand ihn nervenaufreibend. Aber das war das Gute daran. Nicht krach-bumm-bäng, keine dramatische Musik, einfach still, leise und für mich auch realistisch. Zermürbend. Edgar Selge war überzeugend, die Mutter auch - der Hintergrund gar nicht mal so weit weg von dem was täglich passiert (Lebensmittelspekulation... ich war schockiert. Von meiner Ahnungslosigkeit und Naivität). Leider ist mir genau der Ansatz dann etwas zu sehr verpufft, da hätte man mehr draus machen können. Aber im Vergleich zur selbstinszenierenden Peinlichkeit von z.B. Maria Furtwängler war das ein guter Fall. Am besten hat mir das Unblutige gefallen, ehrlich gesagt, die Grausamkeit war auch ohne das präsent.

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    1. wenn leute durch den tatort das erste mal was von lebensmittelspekulation und ihren auswirkungen erfahren haben, bin ich wieder mit ihm versöhnt.

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    2. Und mit mir redest du nie wieder, weil ich mit Scheuklappen durch's Leben laufe :D Bitte nachsichtig sein.

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    3. ach quatsch. mir ist dieses problem vielleicht seit nem halben jahr bewusst. weil ich mal auf nem vortrag war, auf dem das am rande erwähnt wurde. umfassend informiert über das unrecht in der welt kann niemand sein (wär sicher auch nicht gut).

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  4. Ich fand ihn einfach nur langweilig und ich bin eigentlich mit wenig zufrieden und immer sehr aufgeschlossen. Aber das Format Tatort steht ja im Moment eh sehr in der Kritik und die ARD flutet uns im Moment damit.
    LG
    Kerstin

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    1. ich hab auch nach der hälfte auf die wehmütig auf die uhr geguckt.

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  5. herrlich :) ich finde es schön, wenn du mich so beruhigst und ich keine angst habe, etwas zu verpassen!

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  6. Guter Schlaf gebührt stets denen, die reinen Gewissens sind... ;o)

    Was ich nicht verstehe (ist keine Boshaftigkeit, nur sprichwörtliches Unverständnis): Was bringt junge Mensche, aufgeklärt, in Mitteleuropa lebend, dazu, sich in die widerlich riechenden Klauen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens zu begeben und anschließend noch darüber nachzudenken? Es gibt doch Auswege. Alternativen. Redet miteinander. Über was anderes.

    Was ich eigentlich sagen wollte... Habs vergessen. Schönen Abend zusammen! ;o)

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    1. Habs gesehen. Bei Menschen fehlt das N. Mist.

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    2. schlimmer wär's, wir würden privatfernsehen konsumieren und danach die neueste folge 'frauentausch' auswerten ;)

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    3. Und DAS würde MEIN Nervenkostüm nicht aushalten. *g*

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    4. die auswertung oder das fremdschämen beim gucken?

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    5. Gucken. Meine Schmerzgrenze beim Gestörten-TV ist mir wichtig. Die Auswertung hier hingegen wäre durchaus interessant. *g*

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    6. aber das isses nich wert.

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    7. Nee, auch keine Alternative, zugegeben. Aber Eis essen statt TV oder Rasenmähen. ;o)

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  7. Ich glaub, ich schau mir den nicht an... klingt nicht so spannend :-)
    Viele Grüße
    Stefanie

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  8. Ein Freund, mit dem ich oft zusammen Tatort gucke, hat mir am Sonntag-Mittag per Telefon seine Zusammenfassung der Spiegel-Vorrezension durchgegeben. Abends hatte ich dann Zeit zum Baden. Dafür hat man Freunde.

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