Für Deutschland sehe ich schwarz

...und ich könnte mich schwarz ärgern, dass ich es nicht geschafft habe, vor der Wahl zu bloggen. Und ich hätte tatsächlich was zum Bloggen gehabt, habe ich doch mindestens acht Wahlprogramme durchgeackert. 
Was mir dabei aufgefallen ist - doch für diese Info ist es jetzt zu spät - dass man bereits in den Präambeln eines jeden Wahlprogrammes anhand häufig auftauchender Begriffe und Phrasen ziemlich gut die - nennen wir's mal - grundsätzliche Wertepriorität einer Partei ausmachen kann. Und da ich ja vom politischen Typ eher Spinner als Pragmatiker bin, ist das für mich auch ziemlich ausschlaggebend. Ein kleines Beispiel: Die häufigst genannten Begriffe und Phrasen im CDU- Wahlprogramm sind: 'Wirtschaft', 'erfolgreich und stark' und 'Wachstum'. (Spätestens) Damit waren sie bei mir raus. Aber dummerweise halt nur bei mir -.-

Tatsächlich hat mich genau diese Erkenntnis ziemlich fertig gemacht und ich wollte eigentlich nie wieder über Politik reden und mich biedermeiermäßig ins Private zurückziehen, doch dann kam die Holunderschwemme dazwischen. Means: Muttern und ich haben am Wochenende in der Heimat unglaublich viel Holunder geerntet. Drei Tage hab ich kleine Beeren von Stielen befreit und zu Saft verarbeitet. Und als heut mir die Schraubgläser ausgingen, dachte ich: Da machste halt noch bisschen Likör, da konserviert ja bekanntlich der Alkohol. Und da ich während des Entstehungsprozesses ab und zu kosten musste, werde ich erstens 100 Jahre alt und zweitens überfiel mich das Bedürfnis, meine Gedanken in die Welt hinaus zu schreien (wofür ich morgen im Übrigen keine Haftung übernehme).

Zurück zum schwarzen Loch: Mir war ja durchaus klar, dass in einer (Mehrheits-)Demokratie die Bedürfnisse der Mehrheit dafür ausschlaggebend sind, was gemacht wird und was nicht bzw. welche Partei am Ende regiert. Bin im Grunde auch ein Fan der Demokratie. Was mich allerdings erschrecken ließ, ist folgendes: Ich und die Hippies um mich rum reden ständig darüber, was man verändern könnte, so dass es zum einen einzelnen Gruppen hier besser gehen könnte, aber am Ende auch der ganzen Gesellschaft. Da sind wir bei so Dingen wie Umwelt, Kapitalismus, Arbeitsmoral, Konsumgesellschaft, Entfremdung, soziale Anbindung, bla. Aber als ich das Wahlergebnis sah, traf mich wie ein Schlag die Erkenntnis, dass das, was wir wollen, außer uns keine Sau will. Wohlstand und gewisse Sicherheiten sind ganz offensichtlich dem Großteil der Bevölkerung derart wichtig, dass ihnen die Konsequenzen...Ach egal, ich wollte mich gar nicht über CDU-Wähler aufregen. Und im Übrigen verstehe ich auch ganz gut, weshalb das zum Beispiel meinen Eltern in ihrem Alter total wichtig ist.

Was ich sagen wollte, ist, wie tief mich die Erkenntnis getroffen hat, dass die Dinge oder Veränderungen, die ich für so gut und so wichtig halte, von der Mehrheit der Gesellschaft abgelehnt werden. Das hat mich geradezu persönlich getroffen, denn in mir kommt bei einer so gewaltigen Gegenstimme immer die Frage auf, ob ich nicht vielleicht behämmert bin und alles, was ich denke und für richtig halte, Megabullshit ist. Und wenn es nicht so, sondern andersrum wäre, dann sind die  Behämmerten in der Überzahl (und in der Regierung). Wie auch immer es sein mag- ich bin zutiefst resigniert. Und außerdem haut der Likör grad ganz schön rein. Nachtl.

Kommentare

  1. Nacht, du... Mich hat die Tatsache dieser überwältigenden Schwärze auch mehr schockiert als das Ausscheiden des Bauernopfers FDP...

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    1. Bauernopfer ist das echt richtige Wort.

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  2. nicht resignieren, sis :) https://pbs.twimg.com/media/BU8YfLdCUAA8Dk6.jpg:large

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  3. ich glaube ja, dass das nur an angie liegt... ich habe so oft gehört "die partei is ja nich so meins... aber den peer will ich nicht, die angie is besser!"
    sei unbesorgt, es gibt noch so ein paar "weltverbesserer" wie dich (ich hab ja auch kein schwarz gewählt und dabei bin ich noch nichma verbesserer) ... du bist nicht allein!

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    1. ja der peer ist nich wirklich ein sympathieträger... plus: good girl!

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  4. Was hab ich geschmunzelt! Ich bin auch ein wenig geplättet über den "fulminanten" Schwarzausgang, hatte es aber irgendwie vorher geahnt. Da kommt sicherlich einiges zusammen, der Deutsche ist wohl verdammt konservativ (schau doch mal die ganzen Gardinchen an, die in den Fenstern hängen...) und bleibt lieber bei dem, was er hat. Und Angela hats doch ganz gut gemacht Oh Ton. Nimms nicht persönlich, ich würde auch viel lieber die Welt verbessern!!

    Übrigens superfleißig, 3 Tage Holunderbeeren bearbeitet, ich hätte nach einem schon die Nase voll - puh, wat ne Arbeit!!

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    1. Diese konservative Haltung ist genau das, was mir Angst macht. Ich denke, es ist an der Zeit, jetzt ein paar Dinge über Bord zu werfen, um zum Beispiel der Umwelt nicht noch mehr irreparable Schäden zuzufügen. Da wird sich halt jetzt weitere vier Jahre nichts ändern. That sux.

      Was die Holunderbeeren angeht: gut, dass ich jetzt ein Jahr lang keine mehr sehen muss. Nach den drei Tagen hab ich nämlich einen ganzen Tag gebraucht, um die schwarzen Flecken wieder aus meiner Wohnung zu kriegen...

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  5. Der Wähler will doch das Gefühl bekommen, ernst genommen zu werden. Dazu gehört, daß er versteht, was er wählen soll. Dafür gibt es die Integrationsfiguren an der Spitze jeder Partei, die versuchen zum Volk zu sprechen. Kanzler Kohl hat diese Manipulation des gesunden Volksempfindens perfekt beherrscht. Einfache Sätze, einprägsame Formulierungen und klare Aussagen. Er vermied alles, was den Wähler verwirren könnte. Das er dabei auch nichts weiter gesagt hat, ist niemanden aufgefallen. Das versteht der Wähler, denn Parteiprogramme liest der nicht und wenn, kann er darauf vertrauen, daß sie Schall und Rauch sind. Frau Merkel setzt das um, was Kanzler Kohl in das CDU Stammbuch geschrieben hat. Sie überstrahlt in ihrer Integrität nicht nur ihre Katastrophenregierung, sondern auch die SPD mit ihrem äußerst zweifelhaften Spitzenkandidaten. An wen soll der Wähler sich sonst halten? Im Osten bleibt Die Linke und im Westen nichts. Die Grünen? Die wechseln gerade ihre Spitze aus, um mit den Schwarzen kungeln zu können. Das sagt alles. Die Piraten sind mit sich selbst beschäftigt, die AfD verschwindet im Winterloch und die FDP war mit Westerwelle, Rößler etc. unwählbar. Bleibt Merkel.

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    1. Oder eben Die Linke im Osten. Und warum sind die Piraten zu sehr mit sich selbst beschäftigt? Ich hätte es gut gefunden, wenn die FDP rausfliegt, AfD draußen bleibt und stattdessen ne weitere linke Partei in den Bundestag einzieht. Dann hätte ich mich echt besser vertreten gefühlt bzw. meine Interessen.

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    2. Das hat der Onkel präzise analysiert, wenn auch der die Pointe - bleibt Merkel - ziemlich versaut hat, mal ehrlich und bei aller Liebe. ;o) Fakt ist eben, dass Deutschland noch aus ein paar anderen Millionen Menschen, als den kleinen, wenn auch feinen Diskussionskreisen im Westen Dresdens besteht. Ne zeitlang haben mich solche Wahlergebnisse auch immer geerdet, aber fahr mal in den Westen Deutschland oder meinetwegen in den Osten Dresdens, da reicht es schon, dass die Chefin Ostdeutsche (oh!), dazu noch studiert (ah!) und obendrein ein nach außenhin so unscheinbares Privatleben hat (oha!), um sie für einzig und allein wählbar erscheinen zu lassen, was sich nach dem allgemeinen Volksglauben auch nur als Gütesiegel für die gesamte Partei werten lassen kann. Will sagen, nur, weil man meint, von Getreuen umgeben zu sein, muss sich das nicht auf die ganze Bundesrepublik runterdeklinieren lassen.

      Ja, und die FDP hat sich vorerst erledigt, doch zu welchem Preis. Was macht es für einen Unterschied, dass ein paar Vollpfosten dieserseits durch ein paar andere VPs (offizielle Abkürzung übrigens) ersetzt werden. Schlimmer noch, in Zeiten, wie diesen, dass sich eine breite Mehrheit zu einer Partei bekennt, die ihre (nein, ich schreib jetzt nicht "pseudofaschistoide", gibt nur wieder Mecker) Religion gleich im Namen preisgibt. Zu was bekennt sich die Mehrheit der deutschen Wähler da eigentlich?

      Wie auch immer, das Ergebnis steht (stand vorher schon fest, hätteste mich mal gefragt, hehe) und damit muss man, wenn man die Demokratie in Ehren halten will, wohl leben. An uns soll es nicht gelegen haben!

      Da kann man abschließend nur empfehlen gewaltig vom Wasser des Vergessens zu trinken, wie wir Apachen zu sagen pflegen. Oder anders: Lass dir den Likör schmecken, wir reden in vier Jahren noch mal drüber! Versprochen! ;o)

      Mahlzeit & amen.

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    3. für grammatikalische und tippfehler kann ich als entschuldigung keinen likör sondern nur die uhrzeit anbieten. so was aber auch... ;o)

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    4. ... zur religion, die die cdu im namen preisgibt: die haben meiner meinung nach nichts mit demjenigen gemeinsam, dessen namen sie da benutzen. statt einem c sollte da ein k stehen. oder man versteht es wie das känguru: club deutscher unternehmer. prost.

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  6. Deutschland - das ist nicht nur der Bundestag. Nein es sind auch ♫"die Städte und Dörfer, all die Bäume und Holundersträucher im Wald und das Gras auf der Wiese, das Korn auf dem Feld. Und die Vögel in der Luft und die Tiere der Erde. Und die Fische im Fluss das ist Deutschland."

    Ich will jetzt keiner Anti-Politik im Sinne von "Ist doch eh nur Theater was die MdB machen, die richtige Politik passiert woanders." das Wort reden, aber: die Straße ist für mich auch ein politischer Platz und öffentliche Orte und Kneipen überhaupt auch. Und die ♪ "Web-Blogs und die Wikis im Netz, das ist Deutschland"♫

    Und: den Nicht-Einzug der Piraten, das Rausfliegen der FDP und die erhöhte Wahlbeteiligung deute ich im Gesamtpaket als Absage an Klicki-Klicki-Selbstverwirklichungsideologien (Piraten schienen mir immer eher blau-gelb als links) - auch was.

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  7. - links und liberal (oder besser libertär) schließen sich mittlerweile ja nicht mehr aus. auch wenn mein vater das nicht glaubt.

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  8. ich auch nicht. liegt wohl dann am Alter ...

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  9. Ich verstehe deine Gefühle vollkommen. Geht mir ähnlich, und ich kann jedenfalls nix für dieses Wahlergebnis. ;-) Ich glaube aber nicht mal, dass die Mehrheit wirklich das will, was sie wählt. Denn wenn man sich mal die Verteilung der Vermögen anschaut, die Wahlprogramme und was deren Umsetzung praktisch für die meisten bedeutet und das Ganze mit dem Wahlergebnis vergleicht - da haut irgendwas nicht hin. Man sollte meinen, so manchem müsste dämmern, dass die eigenen Interessen nicht optimal vertreten werden. Aber dazu müsste man eben das Wahlprogramm lesen und sich seine Gedanken machen. Ich kenne auch mehrere Personen namentlich ;-), die sich durch den Wahlomat klicken, am Ende mit Erschrecken feststellen, dass die Linke ihre Interessen am besten vertreten würde, sie die jedoch aus Prinzip auf gar keine Fall wählen können - und am Ende das wählen, was sie schon immer hatten ... traurig aber wahr und wie ich befürchte, auch nicht zu ändern, wenn man keine "nette" Diktatur errichten will ... ;-) Aber manchmal könnte man echt schreiend gegen die Wand rennen .... :-p

    LG Doro

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  10. Hey Steph,

    ich musste gerade schmunzeln. Mir geht es oft genauso und jetzt, wo ich gerade in Irland bin ist es auch noch einmal faszinierend nicht nur aus seiner Blase der geringverdienenden Studenten herauszukommen, die gegen Rassismus und Gentrifizierung kämpft sondern sogar in ein komplett anderes Land zu gehen, dem noch viel mehr Sachen am Arsch vorbeigehen.

    In Berlin habe ich das Glück ja auf viele Gleichgesinnte zu treffen und na klar bewegt man sich dann eben in dem Kreis von Menschen, die das Leben so ähnlich sehen wie man selbst, ist einfacher und absolut natürlich. Man vergisst dann nur schnell, dass das ein Minikrümel im Vergleich zum Rest der Welt ist (musst mal Schweigespirale googeln, super interessant) und durch das Internet wirds nicht besser, denn man fängt an nur noch die Seiten zu lesen, die über Themen berichten, die man interessant findet und denkt aufeinmal alle interessieren sich für krummes Gemüse und Emanzipation, schließlich hat man ja so viele Artikel dazu finden können.

    Es ist ein ständiger Kampf nicht zu denken, der Rest der Welt ist einfach nur bescheuert, aber das denken die, die die entgegengesetzte Meinung zu dir haben wohl auch. Ich versuche auch reflektiert darüber nachzudenken, ob das, was ich mir überlege nicht einfach zu naiv/träumerisch/nur weil ich keine erfolgreiche Firma mit 21 aufgezogen habe gedacht ist und ich kann dir keine Antwort nennen. Ich versuche einfach obwohl immer wieder um mich herum Sprüche gedeihen wie "man ist seines eigenen Glückes Schmied" blabla trotzdem an meinen Idealen festzuhalten, ohne blind "die Reichen und Regierenden" zu verurteilen. Da ich shizophrener Weise auch Wirtschaft studiere, zwinge ich mich dazu auch offen zu sein und verstehen zu wollen, wieso schlechte Arbeitsbedingungen akzeptiert werden oder wieso CO2 Ausstoßgrenzen einfach in die falsche Richtung beschlossen werden. Manchmal versteift man sich ein bisschen zu sehr auf seinen Blickwinkel, aber dann bin ich an anderen Tagen auch wieder sauer auf mich nicht radikal genug zu sein.

    Was ich wohl sagen wollte: Lass dich nciht unterkriegen, aber guck auch mal heraus aus deiner linksliberalen Blase (was es wirklich gibt, Problem ist nur, dass es eine Evolution des Liberalismus gab und frühere Ideale mit dem, was zB die FDP tut nichts mehr zu tun haben.

    Grüße

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