Parent-Power schlägt Pester-Power: Von kapitalistischen Schurken und kämpferischen Müttern

Manchmal wenn man so in seiner Elternzeit zuhause vor sich hinschimmelt und mit nem Käffchen in der Hand die Nachrichten liest, fühlt man sich ganz schön nutzlos. Politisch gesehen. Gefühlt drehen ja grad alle komplett durch und es müsste so viel durchdacht und gemacht und verändert werden und ich häng hier rum und wasche Windeln. 

Ist natürlich Quatsch. Wir würden nicht halb so nachhaltig und konsumarm leben, wenn ich nicht in Elternzeit wäre und die Zeit dafür hätte. 
Aber der viel wichtigere Beitrag von Mütter zu einer neuen Welt - und das liegt quasi auf der Hand - sind natürlich ihre Kids. Kinder, die Liebe, Respekt, Toleranz usw. erfahren, geben dies meist auch weiter. Bekommen sie Achtsamkeit, Konsumkritik oder Umweltbewusstsein vorgelebt, werden diese Werte für sie sehr wahrscheinlich bedeutsam sein, wenn sie groß sind.(Dasselbe funktioniert natürlich auch in die andere Richtung, weshalb ich für diese Stadt schwarz sehe.)

"Liebevolles Begleiten" und "gutes Vorbild sein" sind für mich kein Pappenstiel.
Aber damit ist es noch nicht getan. Liegt vielleicht daran, dass Tobolino jetzt 5 ist und verstärkt äußeren Einflüssen ausgesetzt ist, aber ich habe zunehmend das Gefühl, meine Kinder beschützen zu müssen. Nicht vor Stürzen, Sonnenstrahlen und Erkältungskrankheiten, sondern vor -uaaaaaahhhhrrrr - dem entfesselten Kapitalismus!

Beispiel 1: Zuhause essen wir voll viel Obst, aber sobald T irgendwo anders ist, bekommt er massenhaft Süßkram in den Mund gesteckt. So mit richtig viel Zucker und natürlich findet er das dann tausendmal geiler als diese natürlichen Aromen aus 'ner Birne und diskutiert dann endlos mit mir rum. Na zumindest versucht er es. 
Beispiel 2: Wir essen eigentlich nur Joghurt aus dem Glas wegen Müll und so, aber da ist natürlich keine Elsa (who da f***?) drauf. Tränen, Trotz, Tobsucht.
Beispiel 3: In letzter Zeit haben wir oft darüber gesprochen, woher Fleisch kommt, und T findet es total doof, wenn es Tieren nicht gut geht, aber wenn ihm jemand Ferdi-Fuchs-Streichwurst anbietet, hat das ja offensichtlich "gar nix mit Tieren zu tun". 
Beispiel 4: Spielzeug. Coole Holzbausteine versus das blinkene, Geräusche produzierende Plastik-Laserschwert: Welches wird den Beliebtheitswettbewerb gewinnen?

Irgendwie war ich lange hin und her gerissen, wann und wie viel ich Tobits Wünschen nachgebe, auch wenn sie mir nicht gefallen, und an welchen Stellen ich klare Grenzen ziehe. 
Und dann fiel mir ein alter Artikel aus der Zeit in die Hand, in dem es um Child Advertisement geht, also im Grunde um Werbung, die sich an unter 12jährige richtet. Da die ersten Jahre im Leben eines Kindes prägend sind, schafft es treue Konsumenten, wenn ein Kind schon frühzeitig mit vielen Marken vertraut ist und gute Gefühle damit verbindet: entweder wegen Spongebob, viel Zucker, dem immergleichen Geschmack ("hach, das schmeckt wie in meiner Kindheit") oder dem Code auf der Packung, mit dem man ins Internet gehen und Spiele spielen kann. Und da ein Haufen Experten immerzu daran arbeiten, die "Pester-Power" - zu deutsch: Quengelkraft - von Produkten zu erhöhen, ist das Kind selbst schon ein dann ein guter Konsument, wenn es noch gar keine Kohle hat. 

Ist das nicht eine bodenlose Frechheit? Da arbeiten Menschen ganz gezielt daran, dass ich von meinem Kind zermürbt werde, bis ich ihm Produkte kaufe, von denen diese Leute genau wissen, dass sie ungesund sind (Zucker, billiges Fett, Zusatzstoffe). 
Als ich diesen Artikel las, habe ich direkt meinen Helikopter eingeschaltet, die Fäuste geballt und geschworen: "Meine Kinder kriegt ihr nicht."


(M)Ein Kind dazu zu bringen, auf etwas zu verzichten, was es geil findet, und das ohne dieselben Methoden anzuwenden, wie die Gehirnwäscher aus der Werbeindustrie, ist eine Lebensaufgabe. 


Folgendes bewährt sich bei uns:



1. Wir machen jedes Produkt, dasss wir nicht sowieso unverpackt kaufen, naksch, um zu verhindern, dass die Kids durch die Figur auf der Packung an die Marke gebunden werden.

2. Ich nehme Tobolino mit zum Einkaufen auf den Markt, zum Unverpacktladen, zum Gemüsemann, aber nicht mit in den Supermarkt.   

3. Zuhause gibt es kaum verarbeitete Produkte, damit die kindlichen Geschmacksknospen empfänglich bleiben für natürliche Aromen. (Ich hab ja von veganenHippie-Kindern gelesen, die Gummigetier ausgespuckt haben, weil ihnen die künstliche Süße zu eklig war.)

4. Ich rede wie ein Buch über Inhaltsstoffe. (Er tut dann immer so, als wäre ihm das egal, beklugscheißt dann aber wildfremde Leute, die in der StraBa Gummibärchen essen.)


5. Ich biete Alternativen an und lobe diese über den grünen Klee. (Zum Beispiel selbstgemachte Dattel-Haferflocken-Kokos-Kugeln statt anderem Süßkram. Findet er gut.


6. Ich gehe Kompromisse ein. (Die Katjes-Schweinekopf-Gummibärchen sind voller Zucker und in 'ner Plastiktüte, aber ohne totes Tier. Darf auch mal sein.)

7. Und ganz wichtig: Wir schauen nie Fernsehen und damit auch keine Werbung. 



Grundsätzlich bin ja nicht so für's Abschirmen und Beschützen. Irgendwie sollen die Kids ja auch mal klarkommen in der Welt. Aber wenn Kinder von erwachsenen Menschen heimtückisch und zu ihren Ungunsten manipuliert werden, ist das eine Gefahr, die sie nicht sehen und sich ihr damit auch nicht stellen können. Das macht mich super wütend.


!Deshalb appelliere ich! 
Lasst die Werbestrategien dieser Marketing- Assis ins Leere laufen. Macht selbst. Kauft wenig. Kauft unverpackt. Schmeißt den Fernseher aus dem Fenster. Macht das Radio aus, wenn Werbung läuft. Bestellt Werbezeitungen ab. Klärt eure Kinder auf über Inhaltsstoffe und aggressive Werbung. Gebt ihnen echtes Essen und ein Gefühl für echt Bedürfnisse. Kurz: Zeigt dem Kapitalismus den Stinkefinger.



Kommentare

  1. Dieses Thema steht uns auch noch bevor...und ich weiß, dass es einfach nicht zu vermeiden geht, spätestens, wenn sie in den Kindergarten gehen und sehen, was andere Kiddies da tolles zum Naschen haben. Ich bin ja auch nicht dafür, alles "Böse" wegzusperren, aber man muss den Kids ein gesundes Verhältnis dazu vermitteln.
    Die Idee mit dem Einkaufen find ich gut, dass sie nicht mit den Supermarkt genommen werden. Bei uns bietet sich eh immer an, auf dem Heimweg einzukaufen, da wir hier im Dorf nur einen doofen Discounter haben.
    Ich bin gespannt, wie sich das bei uns entwickelt.
    Aber deinen Ansatz find ich sehr gut!

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    1. Tatsächlich ist der Kindergarten bei uns nicht so das Problem. Essen gibt's ja dort für alle gleich, Spielzeug soll nicht mitgebracht werden... in der Schule wird das heikel.

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  2. Ambitioniert, bravo! Natürlich ist es die Aufgabe der Eltern die Kinderlein möglichst keimfrei am Patschehändchen zu führen, bis sie selber volljährig sind. Und ich wünsch dir auch, dass das mit dem kleinen Meister alles so klappt, wie vorgestellt. Nur happich Bedenken, dass so was auch nach hinten losgehen kann. Fernseher - braucht kein Mensch, Radio - Fenster auf, aber da sind dann noch Schule samt Kameraden, Litfaßsäule mit McDonalds-Plakat, Schaufenster oder (gern die ältere) Verwandtschaft, die sowas ruinieren kann... Schwarzmalerei, ich weiß, waren nur Gedanken... ;o)

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    1. Die Verwandtschaft ist tatsächlich mein ärgster Widersacher. Die kommen auch mal her und stellen mir 3 6er-Packs Fruchtzwergverschnitt in den Kühlschrank. Vielleicht sollte ich noch klarere Ansagen machen, aber in meiner Familie werden diese ohnehin nicht ernst genommen ... ich tu einfach, was ich tun kann.
      Bezgl. Dchulkameraden: Ich freu mich schon auf die Diskussion um ein Smrtphone ... not!

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  3. Tschaka - so gesehen, sind wir gut dabei und bislang stimmt die Balance auch noch beim Schulkind (da waren meine Befürchtungen, wenn sie nicht immer mitreden kann, schon groß) .. daher geht's weiter ohne Fernseher (seit nun acht Jahren), selbstgekochten Essen und der Erklärung, warum Fruchtzwerge und Bärchenwurst bei uns nicht ins Haus kommen ...

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    1. Und? Wird wild diskutiert oder gab es mal eine Phase, in der diskutiert wurde?

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  4. Ich finde deine Einstellung sehr ehrenvoll. Da ich selber noch keine Kinder habe, kann ich leider nicht von meiner eigenen Erfahrung berichten. Aber ich sehe den unkritischen Konsum doch teilweise bei meiner Arbeit mit Jugendlichen in der Schule, aber auch bei mir selbst. Das mit den Umwelteinflüssen auf dein Kind klingt wirklich sehr frustrierend. Da gibst du dir so viel Mühe und verlierst dann doch die Kontrolle, wenn dein Sohn alleine unterwegs ist und sein wird. Aber ich glaube ganz fest, dass eben der Teil an Erziehung, den ihr ihm zu Hause mitgebt, den Grundstein legt zu seinen Wertvorstellungen und dass die Erfahrungen, die er ausserhalb des Elternhauses macht, dazu schlussendlich im kleinerern Verhältnis stehen werden.

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    1. Ja, genau das ist der Punkt - da gibt man sich Mühe und dann... ziemlich frustrierend.
      Aber ich hoffe, wie du schon sagst, darauf, dass man einen Grundstein legt, gute Gewohnheiten antrainiert und so ein bisschen Resistenz gegen die Leute schafft, die meine Kinder zu willigen Konsumenten machen wollen.

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  5. He Steph, ich hab mich wieder sehr über Deinen Beitrag gefreut.

    Wie konntest Du eigentlich eine so toughe, umweltbewusste, lustige, coole, kritische Frau werden, obwohl Dir Deine Eltern nicht 24/7 die ganze Scheiße vom Hals gehalten haben? Oder haben Sie das?

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    1. Bei mir liegt die Sache anders. Wie du vielleicht weißt, ist das Verhältnis zu meinen Eltern etwas ... ähm ... schwierig. Ich bin so geworden wie ich bin, indem ich einfach das Gegenteil von dem gemacht und gedacht habe, was die so machen und denken.

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